Der Computer: Velo oder Hamsterrad?

Werkzeuge sind Verlängerungen des Körpers: Die Brille ist eine Verlängerung des Auges, der Hammer eine Verlängerung der Hand, der Hut eine Verlängerung des Kopfhaars. Was ist ein Computer? Die Verlängerung unseres Geistes? Steve Jobs meinte, der Computer sei ein Fahrrad für den Geist. Eine schöne Vorstellung. Wenn man aber schaut, was insbesondere das Mobiltelefon mit uns macht, dann wirkt der zeitgenössische Computer eher wie ein Hamsterrad.

Ein Lieblingstrick der alten Skeptiker war, einen zum Beweis aufzufordern, dass das Leben mehr als ein Traum sei. Mit diesem Trick kann man nämlich alles hinterfragen, und das ist das Ziel des Skeptikers. Nicht die Wahrheit zu finden, sondern immer alles zu hinterfragen.

Kant bereitete dem skeptischen Trick ein vorläufiges Ende indem er erläuterte, dass es in uns etwas gibt, was man auch als radikaler Skeptiker nicht vernünftig hinterfragen könne: Die Mathematik. Die Mathematik, so Kant, basiere auf zwei Prinzipien, die man nicht mehr wegzweifeln kann: Raum und Zeit. Alles, was wir denken, stellen wir uns in Raum und Zeit vor. Und alles, was in Raum und Zeit passiere, so Kant, würden wir in Kausalzusammenhänge, Analogien und gegenseitige Verhältnisse setzen. Mit anderen Worten: Wirklichkeit findet im Kontinuum von Raum und Zeit statt. Die Zustände, durch die wir in dieser Kontinuität hindurchgehen, sind miteinander verbunden.

Ob sich das alles genau so und nicht anders verhält, kann ich nicht beurteilen, aber Kant hat damit einen recht sicheren Hebel gefunden, um Traum und Wirklichkeit zu unterscheiden. In Träumen können wir, aufgrund der fehlenden Kontinuität, nicht klar denken. Träume sind nicht vernünftig miteinander verbunden. Sobald wir uns fragen: Wo bin ich? Wie bin ich hierher gekommen? Wo geh ich hin? Werden wir entweder aus dem Traum gerissen, oder, wie Idioten, in einen nächsten wirren Zustand versetzt, der uns die Frage nur scheinbar beantwortet oder vergessen lässt. Das Dumme ist, dass dieser Test nur funktioniert, wenn wir wach sind.

Warum interessiert mich das als Informationsarchitekt? Weil wir uns vor dem Bildschirm oft genau so verhalten wie in Träumen. Sobald wir in die Tiefen von Computer, Betriebssystem, Browser hinabgestiegen sind und uns in den Parallelwelten Google, Facebook, Twitter hin und herreiten, rauf- und runterrollen, verlieren wir, ganz wie im Traum, den Boden unter den Füssen, fangen an mit Leuten in anderen Gegenden und Zeiten zu kommunizieren, klicken hier, klicken da, und vergessen wo wir sind, wo wir herkamen und wo wir hinmöchten.

Das Perfide dabei ist, dass wir das Vergessen der Zeit für ein Zeichen des Vergnügens oder des Glücks halten. Wir suchen den Verlust der Wirklichkeit, wenn wir uns vergnügen: Vergessen wo wir sind, wo wir herkamen und wo wir hinwollen.

Perfide ist diese Verwechslung vom digitalen Traum mit herkömmlichem Vergnügen, weil wir uns vor dem Computer oft nicht richtig vergnügen, uns also nicht anspannen und entspannen wie beim Schach, im Film oder im Konzert, sondern uns bloss verzetteln. Unser inzwischen bald 24-stündiges Traumprogramm kann dadurch zum Alptraum werden. Wer nur noch auf den Bildschirm schaut, tritt in Konflikt mit der Wirklichkeit. «Zuerst formen wir unsere Werkzeuge, danach formen sie uns» so McLuhan. Deutlich wird das spätestens, wenn man die Orientierung verliert und der Backbutton fehlt.

Und warum interessiert mich das als Informationsarchitekt? Weil ich die generelle Orientierungslosigkeit nicht als Ende der Gesellschaft oder als digitale Notwendigkeit, sondern als ein Zeichen für die Prädominanz schlecht strukturierter Programme lese. Das Irrwitzige ist, dass der Computer, das Tablett, und vor allem die Mobiltelefonie deshalb so erfolgreich sind, weil sie allgegenwärtige Zerstreuung bieten. Dabei vergessen wir aber, was das ursprüngliche Versprechen war: Der Computer soll uns beim denken und arbeiten helfen. Er soll uns Zeit sparen, nicht Zeit kosten. Wir sollen ihn beherrschen, nicht umgekehrt. Vielleicht ist das aber, wie so oft bei Technologien, die wir nicht ins Verhältnis zu unserem Körper setzen können, selbst nicht viel mehr als ein dummer Traum. Steve Jobs war ein Verkäufer, kein Designer.

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