Datenschlachtplatte

Der verlinkte Bürger hätte heute die Möglichkeit, zum Datengourmet zu werden. Das Angebot besteht. Alles, was man tun muss, ist reduzieren.

Das Versprechen der IT-Revolution war – typisch Technologie, typisch Revolution – dass sie uns befreit und bereichert. Befreit von Propaganda, vom TV-Müll, vom Werbetrommelfeuer; bereichert, indem sie uns die langweiligen Aufgäbeli abnimmt und mehr Zeit für Wichtiges lässt. Und?

Wir lesen und schreiben heute mehr als früher. Die Öffnung der Publikationsmittel (Blogs) hat der Meinungsäusserung viele schöne Instrumente in die Hand gegeben. Nachrichten sind zugänglicher und transparenter geworden. Das Internet ist eine Elektroschockwaffe gegen die Schweinekerle, die versuchen, Information zu ihren eigenen Gunsten zu zerhacken, abzuschleifen, schönzupinseln. Wir können heute Politiker richtiggehend röntgen, bevor wir sie wählen. Und das Beste daran: Alles ist gratis! Aber?

Wir haben mehr Datenmüll und weniger Freizeit: Wir haben heute mehr Aufgäbeli (in der Inbox) und weniger Musse, sie zu lösen. Wir werden mit noch dümmerer Werbung (Spam) bombardiert, schreiben (simsen) und lesen (piepiep-piepiep) noch mehr Datenfastfood (und Gratiszeitungen). Die Grossunternehmen sind noch ausgebuffter unterwegs (mit Viral Campaigns, Blogjubelpersern und «Socialmedia-Consultants»). Wir überbieten einander im Bloggen, Twittern, Tublern, Facebooken. Wir verlinken fröhlich unseren Freundeskreis mit den Dubeliseiten, wo Spanner und Spammer, Neider und Neurotiker, alte endlich losgewordene Nervensägen wieder über einen herfallen. Daten-Fastfood-Junkies geworden sind wir. Wie konnte es so weit kommen?

Revolutionen sind Teufelskreise: auf den schlaffen König Luis XVI folgte Robespierre und auf ihn der Obertyrann Napoleon Bonaparte I. Und im Internet?

Ironischerweise wird noch immer von «Volksherrschaft im Netz» gesprochen, ja sogar, «der Pöbel» sei jetzt an der Macht, heisst es. Tatsache ist: Das World Wide Web ist in den Händen von ein paar wenigen Alleinherrschern – Google, Yahoo! und Microsoft – die sich die schönsten Internetgrundstücke schon lange untereinander aufgeteilt haben. Einen Webservice ausserhalb der Geltungsbereiche der drei Internet-Kaiser gewinnbringend zu führen ist deutlich schwieriger, als einen «richtigen» Laden aufzuziehen. Wenn man die Erfolgsgeschichte geglückter Start-ups wie Youtube untersucht, dann sieht man: Der Traum von der lustigen Website, die mit einem guten Infoangebot allein User findet und Geld bringt, ist eine Fata Morgana – man braucht Beziehungen und massiv Geld, sonst läuft gar nichts. Microsoft-Chef Steve Ballmer will sich nun bekanntlich Yahoo! unter den Nagel reissen und damit die Internet-Titanen auf zwei reduzieren. Und dann soll wohl in einem digitalen Russlandfeldzug Kaiser Google gebodigt werden…

Wie dem auch sei, die Revolution ist aus. Das Volk hat zu den napoleonischen Schlachtplänen nichts mehr zu sagen. – Die Frage bleibt: Was hat uns die Revolution gebracht?

Die Geburt der weltberühmten französischen Küche gehe darauf zurück, so sagt man, dass nach der Enthauptung des Königs das mehrtausendköpfige Küchenpersonal des Palace Royale arbeitslos geworden sei und dann in der Stadt Paris unzählige Gourmet-Restaurants für den Bürger eröffnet habe. – Tatsächlich hätte der verlinkte Bürger heute die Möglichkeit, zum Datengourmet zu werden. Das Angebot besteht. Alles, was man tun muss, ist reduzieren: E-Mail-Accounts auf einen einzigen runterspecken. Facebook-Benachrichtigungen abhacken. Xing-Account schälen. Twitter verbraten und sein Handy tieffrieren.

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