Schön gesagt ist schön gedacht

Vorbericht, aus: Vorlesungen über den Stil, von Karl Philipp Moritz

Um gut zu schreiben hilft es nichts, eine Menge einzelner Regeln zu wissen, weil man während dem Schreiben nicht Zeit hat, das Register, welches alle diese Vorschriften enthält, jedesmal erst in Gedanken zu durchlaufen, und sich nun gerade der Regel deutlich bewusst zu werden, die sich auf den gegenwärtigen Fall passt.

Man muss vielmehr imstande sein, sich aus einem Hauptgrundsatze auf jeden besonderen Fall die Regel selbst zu bilden; und eine zweckmäßige Anweisung zu einer guten Schreibart muss nicht sowohl das Gedächtnis mit unnützen Vorschriften überhäufen, als vielmehr den Verstand schärfen, und das eigne Nachdenken üben, dass es nach einem sichern Maßstabe für einen richtigen Gedanken den besten Ausdruck wählen lerne.

Eine zweckmäßige Anweisung zu einer guten Schreibart muß nicht das Gedächtnis mit unnützen Vorschriften überhäufen, als vielmehr den Verstand schärfen; es gibt keine brauchbare Anweisung zu einer guten Schreibart, die nicht zugleich eine Anweisung zu einer richtigen Vorstellungsart, eine Art praktischer Logik in sich enthielte.

Denn der Ausdruck kann sich nur mit dem Gedanken bilden, und die Gabe, sich deutlich zu machen, kann sich nur mit der Denkkraft selber und ihrer Entwicklung bilden; ich kann daher von einer guten Schreibart gar nicht reden, wenn ich nicht erst auf die richtige Vorstellungsart aufmerksam bin, die dem schönen und wahren Ausdruck notwendig vorangehen muss, und woraus ich seine Güte allein beurteilen kann.

Was wirklich schön gesagt sein soll, muß auch vorher schön gedacht sein; sonst ist es leerer Bombast und Wortgeklingel, das uns täuscht.

Um diesen Satz gehörig ins Licht zu setzen, ihn durch Beispiele erklären, und dadurch gleichsam zum Anschauen zu bringen, dadurch gleichsam zum Anschauen zu bringen, dahin zwecken vorzüglich diese Vorlesungen ab. –

Denn wenn man einen allgemeinen Satz an vielen einzelnen Beispielen prüft, und sich von seiner Wahrheit zum öftern überzeugt, so wird das Gefühl davon scharf, daß man ihn auch selber praktisch anwenden lernt, ohne sich dieser Anwendung deutlich bewußt zu sein.

Wer sich beim Schreiben der Regeln, nach welchen er schreibt, noch deutlich bewußt ist, wird sich nie mit Leichtigkeit und Wärme ausdrücken, sondern Zwang und Trockenheit wird in jeder Zeile herrschen, weil alles Interesse für die Sache verloren gehen muß wenn man seine Gedanken erst darauf richtet, den Ausdruck nach Regeln abzumessen.

Die Sache, worüber man schreibt, muß immer den ersten Platz in der Seele einnehmen; die Regel, nach welcher man schreibt, muß gleichsam nur im Hintergrunde der Denkkraft liegen, und sich nicht unter die lebhaften herrschenden Ideen mischen, wenn diese nicht dadurch gestört und geschwächt werden sollen.

Wie das nun möglich ist, kann man nicht eher wissen, als bis es bei einem durch Übung wirklich geworden ist diese Übung besteht aber darin, daß man anfänglich an häufigen einzelnen Beispielen den Gedanken mit dem Ausdruck vergleichen, und einen durch den andern pritfen lernt, und alsdann selber den Versuch macht, für seine eigenen Gedanken den besten Ausdruck zu wäblen, indem man genau Achtung gibt, ob sie uns, nachdem sie in Worte gekleidet sind, noch eben so vorkommen, als vorher, da sie noch dunkel in unsrer Seele lagen.

Dazu sollen nun diese Vorlesungen eine praktische Anweisung enthalten; und unter den Beispielen aus den vorzüglichsten Schriftstellern, welche in Ansehung der Gedanken und des Ausdrucks hier entwickelt sind, ist auch vorzüglich und mit Bedacht auf Dichterschönheiten Rücksicht genommen worden, weil diese mit der höchste Maßstab für eine gute Schreibart sind, und derjenige, welcher irgendeine erhabene Dichterschönheit innig und wahr empfindet auch bei dem geringsten Aufsatze sich mit mehr Interesse und Lebhaftigkeit ansdrücken wird, als ein anderer, der für die Schönheiten der Dichtkunst gar keinen Sinn hat. –

Ein lebhafter Ausdruck aber ist allenthalben schön, und auch die trockensten Geschäfte können durch die Art ihrer Bearbeitung interessant und wichtig werden. Der Ausdruck braucht deswegen gar nicht dichterisch zu sein, sondern er behält aus dem Gebiete der Dichtkunst nur die Lebhaftigkeit und das Interesse bei, und schließt die Phantasie mit ihren gaukelnden Träumen aus.

Lebhaftigkeit und Interesse aber können schlechterdings nicht ohne Ordnung und Bestimmtheit stattfinden, weil Unordnung der Gedanken und Unbestimmtheit des Ausdrucks auch allemal die Aufmerksamkeit schwächen, und von dem Hauptgegenstande abziehen.

Die Lebhaftigkeit des Ausdrucks besteht eben darin, daß man mit mehr Geschwindigkeit, als gewöhnlich, seine Gedanken zu ordnen weiß, und eben daher bei der Ubersicht eines großen Ganzen sich nicht so leicht verwirrt.
Eben diese Gabe aber muß der Dichter, der uns durch ein selbsterfundenes Ganze interessieren will, im hohen Maße besitzen, und der Geschäftsmann muß in seiner Art ihm diese Kunst abzulernen suchen, um bei den verwickeltsten Geschäften, die oft die Dichtkunst selber nicht sonderbarer verflechten könnte, doch immer eine Übersicht des Ganzen zu behalten.

Der sogenannte Geschäftsstil, und dasjenige, was man unter der schönen und zierlichen Schreibart begreift, liegen daher gar nicht so himmelweit auseinander, als man noch häufig glaubt. Der unbedeutendste Aufsatz empfiehlt sich eben so wie das erhabenste Gedicht durch die natürliche Darstellung und leichte Übersicht eines Gegenstandes, auf welchen die Aufmerksamkeit der Seele, durch die Worte, worin man den Gedanken kleidet, geheftet werden soll.

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